Wissen zum Schwedischen

Die Ansprache im Schwedischen

Was man bei nah verwandten Sprachen oft vergisst ist, dass die Sprache immer auch die Kultur widerspiegelt. Die kulturellen Unterschiede schlagen sich in der Sprache nieder. Ein gutes Beispiel dafür ist die Ansprache. Im Deutschen ist es relativ einfach: Erwachsene duzen grundsätzlich nur Leute, die sie kennen, und siezen alle anderen.

In Schweden dagegen ist fast ausschließlich das Duzen gebräuchlich – wie viele schon über die Ikea-Werbung erfahren haben. Das sogenannte Ikea-Du vermittelt nicht nur den Eindruck von gegenseitiger Ebenbürtigkeit und von Unkompliziertheit, sondern spiegelt tatsächlich die reale Sprachverwendung in Schweden wider. Diese Praxis existiert seit Mitte der 1960er-Jahre. Den Auftakt dazu gab Bror Rexed, der Generaldirektor der nationalen Gesundheitsbehörde, welcher bei seiner Amtseinführung ankündigte, dass er ab sofort jeden mit „du“ ansprechen wird und auch von allen so angesprochen werden will. Der Erfolg der Reform ist nicht nur auf die gesellschaftlichen Umwälzungen der 1960er-Jahre zurückzuführen, sondern hatte auch durchwegs pragmatische Gründe. Denn das schwedische Anredesystem war bis dahin komplex und schwerfällig gewesen: die verbreitete Anrede war keineswegs das „Sie“ (im Schwedischen ni, was genau gesagt die 2. Person Mehrzahl ist), sondern man sprach andere Personen mittels eines Titels an.  Das waren Titel wie ein akademischer Titel oder ein Berufstitel.  Wenn die anzusprechende Person keinen Titel führte, sprachen die Schweden damals andere Personen als Herr oder Frau an. Dabei sprach man diese Person dann noch in der 3. Person Einzahl an. Das titellose Siezen war nur für diejenigen Personen vorgesehen, die man ansprechen wollte und die keinen Titel trugen. Genau deshalb bekam das Siezen schließlich einen gewissen herablassenden Unterton.

Die Ansprache im schwedischen Finnisch

In Finnland, wo Schwedisch die zweite Staatssprache ist, ist die Situation insofern anders, als dass das Siezen dort nicht völlig verschwunden ist und auch nicht denselben negativen Unterton hat(te). So zeigt beispielsweise eine Umfrage aus dem Jahr 2005 unter finnischen und schwedischen Schwedischsprachigen, dass die Befragten in der finnischen Stadt Vaasa im Kundenverkehr zu 66 % siezen, während diejenigen der schwedischen Stadt Göteborg es nur zu 23 % tun. Entsprechende Unterschiede gibt es auch in der Einstellung dem Siezen gegenüber.

Wenn es nun gilt, Kundenanfragen oder andere Texte mit direkter Ansprache ins Schwedische zu übersetzen, erstellt der Übersetzer bzw. die Übersetzerin am besten eine landesspezifische Version für Finnland. So stellt das beauftragte Übersetzungsbüro sicher, dass keine der Empfängergruppen sich vor den Kopf gestoßen fühlt.


Die Schwedische Sprache in Finnland

Schwedisch ist in Finnland – neben Finnisch – die offizielle Amtssprache. Dies hat historische Gründe: Finnland war mehrere Jahrhunderte Teil von Schweden, und dadurch etablierte sich Schwedisch als die Sprache der Gebildeten und der Oberklasse. Dies änderte sich im 19. Jahrhundert, als die Stellung des Finnischen sukzessive gehoben und es im Jahr 1863 neben Schwedisch die zweite offizielle Sprache wurde.

Heute wird Schwedisch noch von ca. 300.000 Menschen gesprochen, welche vorwiegend an der finnischen West- und Südküste leben. In Gemeinden mit schwedischsprachiger Bevölkerung haben sie Anspruch auf schwedischsprachigen Dienstleistungen und Hinweisschildern. Auch alle offiziellen Texte müssen sowohl auf Finnisch als auch auf Schwedisch publiziert werden.

In sprachlicher Hinsicht unterscheidet man zwischen finnischem und schwedischem Schwedisch. Die Unterschiede sind vergleichbar mit österreichischem und bundesdeutschem Deutsch, d.h. alle Menschen können sich untereinander problemlos auf Schwedisch verständigen, aber ein Muttersprachler merkt sofort, ob die Schwedisch sprechende Person aus Finnland oder aus Schweden ist. Das schwedische Schwedisch hat in den letzten Jahrhunderten eine „singende“ Sprachmelodie entwickelt, die Tonalität spielt also eine gewisse Rolle für die Bedeutung. Das finnische Schwedisch hat diese Entwicklung nicht mitgemacht, und daher klingt die finnische Sprachversion eher wie Finnisch.

Vom Wortschatz her liegen die größten Unterschiede in der Verwaltungssprache und in den juridischen Texten – immerhin handelt es sich um zwei verschiedene Länder mit unterschiedlichen staatlichen Institutionen. In technischen Übersetzungen ist dies insofern von Bedeutung, dass in Finnland eventuell andere technische Normen und Vorschriften anzuwenden sind. Wenn Ihre Schwedisch-Übersetzung also sowohl für den schwedischen als auch für den finnischen Markt bestimmt ist, empfiehlt es sich, diese von einem Übersetzungsbüro anfertigen zu lassen, welches diese Unterschiede kennt.

Seit den 1990er-Jahren berichtet man immer wieder, dass das Siezen in der Dienstleistungsbranche wieder mehr verwendet würde, doch handelt es sich dabei eher um Einflüsse aus den großen europäischen Sprachen denn um die Wiederkehr des althergebrachten Siezens. Denn nicht zuletzt wegen des negativen Untertons als Ansprache für Niedriggestellte empfinden viele in Schweden das Siezen heute als unhöflich und arrogant. Nach Umfragen gilt: je älter die Befragten, desto mehr lehnen sie das Siezen ab. So wurde Magdalena Ribbing, der aus einer alten schwedischen Adelsfamilie stammenden berühmten Etiketteberaterin, immer wieder die Frage nach der Angemessenheit des Siezens gestellt. Sie riet dringend davon ab, Mitmenschen mit Sie anzureden.